

















 |
|

B.: Arnfrid Astel, du hast Einwände gegen den Begriff
›Radiotop‹, der an eine vor ein paar Jahren eingestellte
Reihe vielfältigster Radioexperimente des Saarländischen
Rundfunks erinnert? Des Senders, dessen Literaturabteilung
du viele Jahre leitetest.
A.: Mir erschien dieser Begriff immer fragwürdig, weil
er eine Pseudowissenschaftlichkeit in das Radio hineinbrachte.
Ein Isotop ist wohl ein instabiles Element, das radioaktiv ist.
Radioaktive sind wohl aktiv gewesen im Radio, ich hoffe aber,
wir haben nicht die Leute verseucht durch Radioaktivität.
Dieses Sich-selbst-interessant-machen des Radios, indem es sich
pseudonaturwissenschaftlich gibt, das liegt mir nicht.
B.: Ich mutmaßte, du wärest deshalb nicht einverstanden
gewesen, weil dich ›Radiotop‹ an ›Biotop‹
erinnern würde, an etwas Geschütztes, Schützenswertes.
A.: Nein an Isotop und Radioaktivität. Biotop
wäre mir sehr sympathisch, wenn es Deutsch wäre.
B.: Wieso Deutsch?
A.: Biotop ist ja kein deutsches Wort.
B.: Ich dachte, du hättest überdies Einwände
gegen das Abschotten, das der Begriff ›Radiotop‹ suggeriert?
A.: Das auch. Aber da kommen wir schnell in den Verdacht,
Reinerhalter der deutschen Sprache sein zu wollen. Andererseits
sehe ich, daß die deutsche Sprache längst kapituliert
hat vor der Computersprache und der sogenannten Digitalisierung.
Und wenn man jemanden erinnert, woher Digitus kommt, nämlich
vom Finger und vom Daktylus lang, kurz, kurz, eine rhythmische
Einheit, die vom Finger abgenommen ist weiß das
niemand mehr. All diese künstlich sich für intelligent
haltenden Leute gebrauchen diese Worte, ohne zu wissen, was sie
heißen. Aber kommen wir zur Sache. Ich denke, daß
die Literatur, die ich vertreten habe im Rundfunk, interessant
genug ist. Sie benötigt nicht einen übergestülpten
interessanten Kittel. Man muß für sie nicht ein epochemachendes
Jingle entwerfen, damit jeder sofort merkt: Hier ist die Deutsche
Wochenschau.
B.: Was ist ein Jingle?
A.: Bin ich schon wieder reingefallen.
B.: Wird im Rundfunk hauptsächlich Modesprech gepflegt?
A.: Ja, ich will aber auch deine Frage beantworten. Jingle
ist eine Ankündigung. Beim Fernsehen nennt man das Trailer.
Das sind diese scheußlichen Sachen vor dem Film, wo alles
zusammengeramscht wird. Verweildauer anderthalb Sekunden, wenn's
hoch kommt.
B.: Würdest du bitte beide Begriffe übersetzen?
A.: Jingle habe ich mal nachgeschlagen, aber wieder vergessen.
Trailer, das hängt wohl mit dem Treidelpfad zusammen, mit
Treideln der Mensch, der dich im übertragenen Sinn
in die folgende Sendung hineinziehen soll.
B.: Zurück zum Modesprech: Du hast 37 Jahre lang Rundfunk
gemacht. Was hat sich in diesen Jahren verändert? Ökonomisch,
technisch, ästhetisch.
A.: Ich habe mich nicht darum gekümmert. Um das
Ökonomische nicht, denn wir müssen ja nichts verkaufen.
Die Leute im Funk sagen immer: Ihr müßt die Sendung
verkaufen. So wie die anderen Journalisten auch, wenn sie von
einer Zeitung leben, die eine marktwirtschaftliche Firma ist.
Wir bei einer öffentlich-rechtlichen Anstalt mußten
eigentlich nichts verkaufen. Also habe ich hochnäsig weggehört,
wenn davon die Rede war, auch von den Einschaltquoten. Was sich
technisch verändert hat, hat mich auch nicht betroffen.
Ob das nun digital aufgenommen wird oder mit dem Tonband bei
welcher Geschwindigkeit auch immer, es ist vollständig gleichgültig.
Es kommt nämlich raus, was reinkommt. Das heißt, es
kommt nicht auf die technischen Mittel an, mit denen es produziert
wird, sondern es kommt auf die Dummheit und Klugheit der Leute
an, die es machen.
B.: Zur Dummheit oder Klugheit später noch. Zunächst
sehe ich die Gefahr, daß die, die nicht hingucken, weil
es sie nicht interessiert, mit dafür verantwortlich sind,
daß die öffentlich-rechtlichen Anstalten immer mehr
computerisierte Abspielprogramme anbieten: egal, ob es sich um
Pop-Musik oder klassische Musik handelt. Ich höre heute
drei mal in der Woche morgens den Winter von Vivaldi (demnächst
wohl den Frühling), den dritten Satz des Dritten
Brandenburgischen Konzertes, das Ständchen und
ein paar Stücke mehr, jedoch wochentags zum Beispiel keine
Orgel- oder Chormusik, geschweige denn Kompositionen, die mir
etwas als Entdeckung bedeuten könnten.
A.: Diese Entwicklung habe ich bemerkt, aber versucht, sie
an mir vorbei zu leiten. Ich bin zwar belästigt worden von
solchen Ansinnen, habe aber nie solche Programme gemacht. Das
geschah im sogenannten ›kulturellen Wort‹ ja auch seltener
als in anderen Bereichen, etwa im Ersten Programm ›Unterhaltung‹.
Auch in den sogenannten ›seriösen‹ Musiksendungen
traf man das relativ selten, obwohl die Tendenz zunimmt, daß
der Discjockey oder der Moderator im kulturellen Programm auch
selbst die Maschinen bedient. Per Knopfdruck bekommt er das Richtige,
ohne daß dem eine detaillierte Programmgestaltung zugrunde
liegt. Der kulturelle Bereich hat sich jedoch weitgehend dagegen
behaupten können.
B.: Selbst wenn du sagst, du hättest dich um diese Tendenz
in einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt nicht sehr
gekümmert, muß dich doch eins wirklich interessiert
haben: Öffentlichkeit herzustellen. Wenn ich bemerke, daß
diese Öffentlichkeit schwindet, weil der Redakteur sie nicht
umwirbt, daß wichtige politische Informationen zugunsten
längerer Stau-Warnungen verschwinden, dann muß ich
deinen Standpunkt verantwortungslos nennen.
A.: Ja, bewußt. Ich glaube, wir müssen nicht Öffentlichkeit
herstellen, sondern ihr etwas anbieten, wovon sie Gebrauch machen
kann kostenlos übrigens. Werbung hingegen ist eine
Sache für sich. Dafür gibt es auch ein eigenes Management,
Verantwortliche auch im Rundfunk, obwohl der öffentlich-rechtliche
Rundfunk ohne kommerzielle Werbung gedacht ist. Er soll sich
von Gebühren ernähren ursprünglich. Das
könnte er übrigens auch, wenn er anders wirtschaften
würde. Also: Ich muß keine Öffentlichkeit herstellen.
Ich stelle für mich als Autor keine Öffentlichkeit
her, ich schreibe und veröffentliche Bücher. Ob die
Bücher nun ihre Runde machen oder nicht, ich laufe nicht
mit dem Bauchladen durch die Gegend und verkaufe die Bücher
an meine Freunde.
B.: Den Bauchladen will ich gar nicht, aber ich möchte
dir zuhören zuhören können. Ganz sicher
willst du Öffentlichkeit herstellen, sonst hättest
du dich nicht vor das Mikrophon gesetzt. Inzwischen gibt es jedoch
immer weniger Möglichkeiten, überhaupt jemandem zuzuhören.
Weil ich als Teil der Öffentlichkeit daheim von meiner Anstalt
bis zum Verdruß immer mehr dritte Sätze der hinreichend
bekannten Kompositionen, verbunden von farbenfroh-launiger Gedankensülze,
vorgesetzt bekomme. Einstündige Gespräche oder sogar
längere wie Zwischentöne im DeutschlandRadio
sind selten, und ich muß meinen Tagesablauf umstellen,
wenn ich sie hören will. Für geistliche Musik etwa
müßte ich sonntags um 6.10 Uhr das Radio einschalten.
A.: Wenn man so eine Sache macht an der selben Stelle und
zur gleichen Zeit und ich war immer dafür, sorgsam
Hörgewohnheiten zu pflegen , dann spricht sich herum,
wo und wem man in einer Stadt oder in einem Land zuhören
kann. Ich denke nicht, daß da immer die Werbetrommel gerührt
werden muß, weil nämlich die Werbetrommel ihre eigene
Ästhetik hat. Die wirkt zurück auf das Programm. Wir
hatten im Kulturradio oft die Diskussion, ob wir für unsere
Sendungen Werbung machen müßten. Und dann kam wieder
die Werbeästhetik womit wir erneut beim Jingle sind
ins Spiel: die Marktschreier, die auf eine ästhetisch
völlig andere Art, als es die Gesichtspunkte der Literatur,
der Musik oder der Kunst sind, für etwas Reklame machen.
Dieses Werbedesign schlägt hinein in die Ästhetik der
Sache. Deshalb wollten die Verantwortlichen immer funkisch werden.
Das heißt, meine Chefs haben mir stets nahe gelegt, das
sei zwar alles gut und schön, aber nicht funkisch genug.
B.: Was heißt funkisch?
A.: Das habe ich sie auch gefragt.
B.: Werbeästhetik plus schlechter Sendeplatz mal Lautstärke
plus ein Thema?
A.: Funkisch heißt Schauspielerei, die vollkommen tut,
aber mit der Sache wenig zu tun hat: das Flotte, das Verkürzen
von Programmbeiträgen, im ersten Programm 90 Sekunden als
oberstes Limit. Aber ich habe Stundensendungen gemacht, 37 Jahre
lang. Weißt du: Das Radio ist gar nicht so wichtig. Ich
habe immer meinen Gesprächspartnern gesagt, das Wichtigste
und das Schwierigste zugleich ist, bei einem Gespräch im
Radio das Radio zu vergessen. Es ist ein Gespräch über
eine Sache, einen Gegenstand, so, wie es schon vor 2000 Jahren
üblich war.
B.: Wir wollen trotzdem über das Radio sprechen, und
ich fragte zuvor, was sich verändert hat ökonomisch,
technisch, ästhetisch?
A.: Ich dachte ja, ich hätte mir das schon vom Halse
geredet, aber du redest es mir wieder dran an den Hals. Technisch
verändert sich dauernd etwas, denn auch der Rundfunk wedelt
mit der Schwanzspitze der Industrie. Es gibt beständig Neuerungen.
Die alten Maschinen, die es vollständig tun, werden abgeräumt,
und die Industrie bestückt uns mit neuen. Zur Zeit heißt
die Modewelle Digitalisierung. Und wenn einer geht, wird
wie in meinem Fall die Stelle nicht wieder besetzt, so
daß mein Freund Ralph Schock, mit dem ich die Arbeit in
der Literaturredaktion machte, sie jetzt allein bewältigen
muß.
B.: Warum wolltest du vor 37 Jahren zum Rundfunk?
A.: Weil ich gehört hatte, daß das möglich
ist. Ich hatte mich natürlich ständig um Literatur
gekümmert. Als Student gab ich eine Literaturzeitung heraus
und habe, statt ordentlich zu studieren, Bücher von zeitgenössischen
Autoren rezensiert: das erste Buch von Enzensberger, Günter
Grass mit seinen Anfangsbüchern, Erich Fried und, und, und
auch irgendwie erfolgreich.
B.: Du hast Autoren entdeckt?
A.: Für mich und andere mit, indem ich sie rezensierte.
Nicht Enzensberger und Grass, aber vergleichbare Leute. Wondratscheks
erste Gedichte standen in den Lyrischen Heften, und die
erste Ausgabe von Brodskij, der später den Nobelpreis bekam,
erschien als Sonderheft der Lyrischen Hefte, die ich herausgegeben
habe. Ich sage das, weil es nicht darauf ankommt, funkisch zu
sein, sondern weil du ein leidenschaftliches Verhältnis
zur Literatur haben mußt. Es schadet auch nicht, wenn du
selber welche produzierst. Aus diesem Grund ging ich zum Rundfunk.
B.: Wurde das Funkische zu einem Druckmittel, als die Privatsender
aufkamen?
A.: Da wurde es ganz entschieden stärker. Wobei ich sagen
muß, daß der Saarländische Rundfunk auch ein
Vorreiter der Privatsender war. Die Europawelle Saar wurde weitgehend
von RTL kopiert. Leider ist der Sündenfall nicht außerhalb,
sondern innerhalb des Hauses geschehen.
B.: Kannst du den Sündenfall ein wenig beschreiben?
A.: Dieses schnelle, muntere, kurz angebundene Immer-schon-da-sein.
Diese Wecker-Mentalität: frisch in den Morgen, Kürzestnachrichten,
faul im Nachfragen. Das Funkische könnte man vergleichen
mit der künstlichen Aufregung (oder der natürlichen?)
eines Fußballreporters im Radio. Ich will diesen Leuten
mal zugute halten, daß eine Rasanz die Ästhetik prägte.
Diese Rasanz abgesondert vom Gegenstand ist das Funkische.
B.: Du hast anfangs von Dummen gesprochen. Also gibt es auch
Kluge?
A.: Ja, sonst wäre die Dummheit nichts wert. Aber ich
denke nicht dünkelhaft, ich denke über die Klugheit
ganz anders. Wieder ein Beispiel: Man hat uns gesagt, Ihr müßt
den Hörer dort abholen, wo er sich befindet. Meine Formulierung
dagegen war: den Hörer dort abholen, wohin wir ihn verschleppt
haben. Die Leute haben nicht Wünsche, die wir befriedigen
müssen. Die Wünsche haben wir hergestellt. Das heißt:
Wir haben programmiert, bevor ein Programm von uns verlangt wurde.
Und wie haben wir programmiert? Eine Rundfunkanstalt ist eine
Bildungsanstalt: Aber wenn da nur leichtbekömmlich Klöppelsachen
angeboten werden, macht das die Leute nicht klüger. Die
wollen dann immer nur leichtgeklöppelte Klöppelsachen
und schließlich Dackelpflege und Lebenshilfe. Man kann
also nicht sagen, wir müßten die Leute da abholen,
wo sie sich befinden. Die Hörer sind nicht so blöde.
Noch einmal zur Klugheit: Man hat uns gesagt, wir müßten
uns einfältig oder sogar dumm stellen. Meine Entgegnung:
Ich bin mir dumm genug, ich brauche mich nicht zu verstellen,
ich hoffe, die Hörer können mich auch so verstehen.
B.: Programm-Machen, das Wort hatte ja mal einen guten Klang.
Warum benutzt du es so negativ?
A.: Ein guter Klang. Ich meine es nicht negativ, ich habe
ja immer Programm gemacht. Programm-Machen heißt planen,
was wird die nächste Sendung sein. Programm-Machen heißt,
dann diesen Plan zu erfüllen. Vielleicht bringe ich hier
zwei Begriffe durcheinander: Programm-Machen und Programmieren
daß die Mentalität programmiert wird, ist eine
Sache. Die andere ist und war in meinem Fall die inhaltliche
Gestaltung des Literaturprogramms. Ich brauche in einer Literaturvermittlung
nicht die Rasanz einer Ratgebersendung zu verfolgen. Die Literatur,
die Musik, die Malerei ist interessant genug, nichts davon benötigt
Stimulanz. Wir müssen keine künstlichen Anreize schaffen.
B.: Ich müßte jetzt nach dem Verhältnis von
Sender und Empfänger fragen, nach deinem Sendungsbewußtsein,
nach Minderheiten und Mehrheiten. Das interessiert dich alles
nicht?
A.: Doch. Es ist eine Minderheit.
B.: Würde es dich nicht glücklich machen, einen
Menschen zusätzlich für Literatur zu begeistern?
A.: Du, ich habe manchmal Menschen begeistert. Mir hat das
gereicht. Wir haben ja für alles Beispiele. Marcel Reich-Ranicki
hat, wie er sagt, und dann wird es ja auch stimmen, sehr viele
Leute für Literatur gewonnen. Nur, ich bezweifle das. Das
Literarische Quartett war eine circensische Veranstaltung,
angeblich mit dem Inhalt Literatur. Es muß einem doch aufgefallen
sein, daß es dort verpönt war, Literatur zu zitieren.
Niemals wurde eine Seite vorgelesen, und niemals trat ein Schriftsteller
auf, von dem die Rede war. Das ist eigentlich das Gegenteil von
dem, was ich wollte und will.
B.: Du hast mir mal vor einer Sendung auf meine Frage nach
der Konzeption dieser Sendung geantwortet, dein Konzept sei,
daß du kein Konzept hättest. Wie läßt sich
das mit dem Begriff Programm-Machen vereinbaren?
A.: Das läßt sich vereinbaren. Natürlich hatte
ich ein Konzept, ich habe es nur nicht jedem gesagt. Der Titel
ist festgelegt, sechs Wochen vorher muß ich es ja abgeben,
damit es gedruckt werden kann. Mein Konzept, meine Idee war stets,
das Interessante vor das Bekannte zu stellen. Ich kann natürlich
Grass, Böll, Lenz, Walser, Enzensberger senden und dann
wieder von vorne anfangen. Das war nicht mein Konzept. Das für
mich Interessante weiterzugeben, bedeutete doch auch eine Vermittlung
an die Öffentlichkeit. Ich habe mich nicht auf das Urteil
anderer Leute verlassen. Ich, der ich früher eine Literaturzeitung
machte, entschied selbst, bei allen Möglichkeiten des Irrtums.
Nur zu gucken, was steht auf der Bestenliste, die auch noch mitbestimmt
wird von Leuten, die man weitgehend kennt wie die des Literarischen
Quartetts, das ist uninteressant und ungerecht, weil es eine
Monopolisierung bedeutet.
B.: Diese Konzeption ist nur ein Teil der Praxis. Wenn wir
jetzt noch einmal über Ralph Schock sprechen, der als Literaturredakteur
des Saarländischen Rundfunks angehalten ist, auch funkisch
zu sein, immer im seriösen Sinn, muß er auch Literaten
auf den Halberg holen, die Hunderte Menschen ziehen: eben Martin
Walser oder Günter Grass. Sehe ich es falsch, daß
da ein zunehmender Druck existiert?
A.: Dieser Druck nimmt zu. Ralph Schock hat allerdings einen
Vorgesetzten, den Herrn Johannsen, der sehr milde ist und der
das Urteilsvermögen Schocks ebenso zu schätzen weiß
wie seinen Widerstand gegen das bloß Funkische. Ich glaube
nicht, daß Schock funkischer ist als ich, er hat allerdings
wohl organisatorisch mehr Interessen und ist dann doch ein besserer
Vermittler, wie du es mir vorhin nahegelegt hast.
B.: Das wollte ich mit meiner Frage auch nicht unterstellten.
Freilich sehe ich, wie die Weichen hin zum Funkischen gestellt
sind durch Messungen und Einschaltquoten, durch die Verlegung
von Programmplätzen, duch Fusionen oder nachteilige Kooperationen
das, was wir seit den 90er Jahren zu lesen und dann zu
hören bekamen. Was vermutlich auch mit dem Erstarken und
der vielfachen Gründung von Privatsendern zu tun hatte.
Und das ist inzwischen überall zu hören und zu sehen:
die Anpassung der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten
an Sendeformate der privaten. Nehmen wir als trauriges Aushängeschild
ein Beispiel aus dem Fernsehen: Flacher als aspekte kann
derzeit keine private Anstalt senden, also kommt Kultur allenfalls
bei den vermischten Nachrichten oder als Sensatiönchen vor
oder es wird völlig ausgeblendet. Früher hieß
das bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten ›Auftrag‹.
A.: Ja, da gibt es eine sehr schwierige Entwicklung. In meiner
Anfangszeit gab es noch Großveranstaltungen, Lesungen an
der Universität etwa von Peter Handke oder von Erich Fried
mit vollen Hörsälen oder im Audimax. Heute kommen nicht
einmal die Germanisten oder ihre Studenten. Neuerdings herrscht
Druck über die Einschaltquote, wir hatten damals eine große
Einschaltquote, ohne etwas dafür zu tun, außer mit
einem Plakat.
B.: Was ist verantwortlich für die Erosion?
A.: Das geht auf eine generell feststellbare Verblödung
zurück, die wohl auch zusammenhängt mit den Leuten,
die wir gewählt haben und die völlig opportunistisch
auf den Zuwachs des Bruttosozialprodukts achten. Sie benutzen
Kultur als Feigenblatt oder Petersilie. Das ist eine galoppierende
Verblödung: die Abschaffung des Unterrichts in alten Sprachen
und des letzten Schuljahres in den Gymnasien, was heißt,
die Verblödung kommt von oben.
B.: Wird auch von den Regierungen stärker in die ARD-Anstalten
hineinregiert? Wie gefeit ist man dagegen? Wie hat sich das entwickelt?
A.: Relativ gelinde im kulturellen Bereich. Weder ich noch
der Ralph Schock sind Mitglied einer Partei.
B.: Ist der Saarländische Rundfunk dabei, seinen kulturellen
Ruf zu verspielen, wenn immer wieder Gerüchte auftauchen,
er würde sein Orchester abschaffen wollen oder müssen?
A.: Ich sage manchmal sehr sarkastisch, unser Intendant ist
ein Abwicklungsbeauftragter der Staatskanzlei. Er ist ein wiedergewählter
SPD-Mann in einer CDU-Regierung. Unter welchen Umständen
wählt eine CDU-Regierung einen SPD-Intendanten? Diese Antwort
darauf kann man jedem Menschen, der bis drei zählen kann,
überlassen. Er ist also ein Erfüllungsgehilfe. Das
sind die sogenannten ›Sachzwänge‹.
B.: Aber hat das nicht auch zu tun mit dem finanziellen Ausgleich
zwischen den Anstalten der ARD?
A.: Ja, wunderbar. Wir schmeißen die Maschinen weg und
kaufen neue, die wir nicht brauchen. Wir werfen das Geld zum
Fenster raus. Jetzt wird das Hörspielgebäude aufgestockt
für 40 Millionen Mark. Der Rundfunk hat sich einreden lassen,
und da steckt auch die Landesregierung dahinter, daß die
technische Modernisierung nötig sei. Die Frage aber ist
die, ob der Rundfunk geschlossen oder irgend etwas Regionales
daraus wird. Es wäre sehr gut, wenn wir eine Mentalität
hätten wie nach dem Krieg oder wie die Menschen in Afghanistan,
nämlich, daß man überhaupt senden kann. Dann
kommt es auf die Inhalte an.
B.: Bei aller kritischen Beobachtung scheint es seit einigen
Jahren eine Renaissance des Kulturradios zu geben. Was ist die
Ursache deiner Meinung nach?
A.: Das Windige der vielen konkurrierenden Fernsehprogramme
hat wohl zu einem Überdruß geführt. In diesem
Zusammenhang war es eine wichtige Entscheidung der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung, die Radioprogramme abzudrucken. Die
Kulturprogramme behaupten sich auch darin. Sie sind jedoch von
den Personalkürzungen betroffen. Es ist weder anständig
noch zumutbar, daß einer das macht, was vorher zwei bearbeiteten,
wie in der bereits erwähnten Literaturredaktion des Saarländischen
Rundfunks.
B.: In diesem Zusammenhang steht wohl auch der Tod von tradierten
Rundfunkorchestern.
A.: Radioprogramme sind eine billige Sache. Du hast mich vorhin
nach meinem Konzept gefragt: Man kann ganz billige Sendungen
machen, indem man eine Lesung in einer Buchhandlung oder der
Volkshochschule mitschneidet und sendet. So läßt sich
überdies Öffentlichkeit der manchmal zu schlecht besuchten
öffentlichen Veranstaltungen herstellen.
B.: Anfangs sprachen wir über deine Vorstellungen des
Radios. Würdest du jetzt am Ende unseres Gesprächs
der Zusammenfassung zustimmen, Radio muß Produzent und
Multiplikator von Kultur sein und bleiben? Überdies von
unbequemer, nicht durchgesetzter Kultur?
A.: Sicher. Und es muß ein ganz normales Medium neben
dem Buch und der Zeitung sein. Ein Aspekt, über den wir
noch gar nicht sprachen, ist die Mündlichkeit. Meiner Ansicht
nach gehen die Redakteure ziemlich am Charakter dieses Mediums
vorbei, wenn sie ihre Moderationen ablesen. Das heißt:
Das freie Sprechen und das Zeigen der Gedankenbildung während
des Redens ist eine ganz große Chance des Radios, worin
dann auch jede Pause und Verzögerung und jedes Versprechen
seinen Sinn hat und die Aufmerksamkeit des Zuhörers erhöht.
Deshalb meine sogenannte Konzeptlosigkeit. Mein Konzept war,
auf den einzugehen, mit dem ich rede. Und nicht mein Curriculum:
Frage eins, Frage zwei und drei, wo du schon auf die zweite Frage
etwas völlig anderes antwortest, wo ich mit Frage drei nachhaken
müßte. Das erleichtert doch die Arbeit, wenn man einigermaßen
geistesgegenwärtig ist.
B.: Arnfrid, nie habe ich mich gelangweilt, wenn ich dir zuhörte.
|