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 Günter Scholdt: Arnfrid Astel kennen Sie, soweit ich hier umschaue, im wesentlichen alle. Er ist Lyriker, Epigrammatiker, er ist Literaturredakteur beim Saarländischen Rundfunk a. D., und nicht zuletzt hat er als Anreger und als Lehrer einer Poetenschule hier bedeutende Verdienste erworben. Von daher erspar ich mir weitere Ausführungen. Die meisten, die hier sind, kennen ihn, und es wäre ein bißchen Eulen nach Athen tragen, wollte ich jetzt da noch große Ausführungen machen ja, genug der Vorrede, Sie haben das Wort.
A.: Ja, danke. Mein Vorschlag für diese Ausstellung,
der Titelvorschlag, ist »Was ich dir sagen will, kann ich
dir zeigen«. Das wird nachher auch als ein Zitat in einem
Text vorkommen, und da sozusagen die Gedichte und ihre Gegenstände
oder, in anderer Reihenfolge, die Gegenstände und ihre Gedichte
zusammenkommen in dieser Ausstellung, fände ich das ganz
günstig. ›Trouvaille‹ ist natürlich auch
ein schöner Titel, aber unter Trouvaille fällt alles,
was man findet, und ich… als dünkelhafter Mensch denke
ich natürlich, daß ich ganz besondere Sachen finde,
und deshalb mag ich diesen Titel im Grunde lieber. Was ich dir
sagen will das ist das Gedicht , kann ich dir zeigen.
Ich hab auch so ein paar Gegenstände mitgebracht, fällt
mir gerade ein, und die kann man ja vielleicht mal rumgeben.
Vorher will ich noch was sagen. Auf der Einladung, die Herr Scholdt
freundlicherweise verschickt hat, bin ich angekündigt als
jemand, der liest, referiert, plaudert, spektakelt, happeningt
oder was auch immer ich muß Sie, glaube ich, mit
dem Happeningen und Spektakeln entschuldigen: da ich mich jetzt
in der dritten Lebenshälfte befinde, (Lachen) bin ich ruhiger
geworden.
Günter Scholdt: Och, ich fand, daß zum Beispiel
die… diese Kunstpreis-Veranstaltung schon etwas von Happening
hatte.
A.: Ja. Ja, sie war ja auch ein Ereignis, nicht? Ja.
Günter Scholdt: Hoffen wir, daß das auch passiert.
A.: Mal schaun. Schaun mer mal. Ja, ich hab hier zwei Sachen
mitgebracht, wenn Sie das vielleicht so weitergeben und, wenn
Sie so freundlich sind, es nicht kaputtschlagen würden.
(Lachen) Das wäre irgendwie ganz nett. Ist auch schwer kaputtzuschlagen.
Zum Titel hier, zum Beispiel dieses… diese Übung,
so heißt es, glaub ich ich hab es immer ein Seminar
genannt , das freundlicherweise Gerhard Schmidt-Henkel
mit seiner beschützenden Hand protegiert hat, ja?, lange
Zeit, wofür ich ihm sehr dankbar bin, ja
Gerhard Schmidt-Henkel: Es war offiziell ein bezahlter Lehrauftrag
im ersten Semester, und dann viele, viele Jahre ein unbezahlter
Lehrauftrag, das wollen wir nicht vergessen zu erwähnen.
A.: Ja, ja. Ja, das erste Semester ja. Aber ich meine,
außer dem Geld gibts ja auch noch das Vergnügen, ja?
Und wenn man eh im Gelde schwimmt… Wozu Geld, nicht? Das
ist ja lächerlich. (Lachen) Hab ich noch was vergessen?
Man vergißt immer alles. Ich wollte noch was zu dem Titel
sagen »Was fällt mir eigentlich ein?«,
heißt er, glaub ich , das ist entstanden in einer
Diskussion mit einem Kollegen. Und ich weiß nicht, ob Sie
das noch wissen, die älteren unter Ihnen wissen wahrscheinlich,
daß der Satz »Was fällt dir eigentlich ein?«
ein pädagogischer Warnsatz ist, ja? Was bildest du dir eigentlich
ein, was nimmst du dir da heraus? Und »Was fällt mir
eigentlich ein?« in dieser Diskussion mit dem Kollegen
wollte ich, was übrigens nicht von Erfolg gekrönt war,
auf die Dialektik des Einfalls hinaus. Und ich für mich
bilde mir eigentlich ein, daß das, was einem eigentlich
einfällt, sehr wohl mit dem Verbotenen zu tun hat. Das heißt:
natürlich fallen uns nicht nur die anständigen Einfälle
ein, und wenn man zuläßt, was einem einfällt,
was einem eigentlich einfällt, ist das ein heikles Thema,
ja? Und das meiste von dem, was einem da eigentlich einfällt,
kann man eigentlich nicht sagen. Und man könnte jetzt überspitzt
sagen: Literatur ist das Schreiben des Unbeschreiblichen. Wenn
sie etwas taugt, ist sie ja eigentlich, nach meiner Erfahrung,
so, daß sie etwas leistet, was man eigentlich nicht machen
kann. Nicht nur nicht machen sollte oder nicht machen darf, sondern
eigentlich auch nicht kann. Das heißt, das, was uns eigentlich
einfällt, unsere Erfahrungen, die ja nun vorwiegend keine
akademischen Erfahrungen sind, sondern Lebenserfahrungen, Liebeserfahrungen
und so weiter wir reden ja nicht nur deshalb nicht darüber,
weil es unanständig wäre unter Umständen, sondern
weil wir es gar nicht können. Wir haben gar kein
sagen wir, ja, wieder dialektisch gesagt gar kein ›anständiges‹
Vokabular dafür. Aber was ist wieder die Dialektik des Anstands,
ja? Was ist das Unanständige? Was ist das Verbotene? Der
Kollege übrigens, mit dem ich damals darüber diskutieren
wollte, der hat dann gesagt, das sei eine absolut altmodische
Ansicht, heute sei ja alles erlaubt. Aber als ich seine Gedichtbücher
gelesen habe, fiel mir auf, worüber er alles nicht schreibt.
Es kann natürlich sein, daß ihm das auch nicht einfällt.
Dann wäre er aus dem Schneider. (Lachen) Ich glaube wirklich,
daß der Einfall, der ja auch mal irgendwie einen kultischen
Zusammenhang hatte, also was einem die Musen oder die Götter
oder wer auch immer, oder die Mutter Natur oder Diana oder sonstwas
eingibt, das könnte einem ja auch einfallen, ja?
also ich denke wirklich, daß dies ein heikles Gebiet ist
und daß es deshalb interessant sein könnte, sich darauf
einzulassen. Genauer gesagt, ich weiß für mich, daß
es für mich interessant ist, sich darauf einzulassen. Und
ich gehe wirklich, ich will das nochmal wiederholen, ich gehe
so weit, daß eigentlich für mich Literatur immer die
lesenswert war, die das gesagt hat, was man eigentlich nicht
sagen kann. Sag ich mal so, ja? Es ist alles etwas überspitzt
und so weiter, aber es soll ja auch deutlich werden. Ja. Jetzt
hab ich vor, von einem Einfall auszugehen, der eigentlich mehr
von den Augen kam und gar kein Einfall war. Ich bin kürzlich
im Winter mit einer Freundin meiner Freundin spazierengegangen,
und wir kamen zurück an einer Weinbergsmauer, und da wuchs
Feldsalat. Also das, was man Rapunzel nennt oder Mausohrsalat
und so weiter. Und das war so angeschwemmte Erde, sehr leichtes
Erdreich. Und ich habe das Pflänzchen rausgezogen. Im Winter
sind das richtige Rosetten, später, im Sommer, ist der Feldsalat
nicht so günstig, da hat er in der Mitte eine Blüte
und so weiter. Also diese schöne Rosette, die wir schätzen
als den Wintersalat, hab ich rausgezogen und habe, zu meiner
Überraschung, festgestellt, daß diese Rosette, die
praktisch keine Höhe hat, sondern ganz flach, wie ein…
wie ein Sonnenrad ›Sonnewirbele‹ nennt man,
hab ich mir sagen lassen vom Christoph Michel, ja?, die sagen
das, in Freiburg nennen die das Sonnewirbele oder so ähnlich
ja, zu meiner Überraschung hab ich festgestellt,
daß dieses Pflänzchen eine so lange Wurzel hat. Und
diese Freundin meiner Freundin und ich, wir haben wie im Chor
gesagt, als wir das gesehen haben: Rapunzel, laß dein Haar
herunter. Ja? Und das ist irgendwie… hat mich seitdem nicht
mehr so verlassen, und ich habe dann auch so Illustrationen,
Märchenillustrationen mir angekuckt, zum Beispiel von Otto
Ubbelohde, von dem kürzlich auch in dieser Ex-Libris-Ausstellung
in der Universitätsbibliothek Beispiele waren, daß
der speziell dieses Rapunzelmärchen illustriert hat, daß
dies… in einem Holzschnitt. Und dieses Märchen wurde
immer wieder illustriert. Und es gibt im Gebrüder-Grimm-Museum
in Kassel eine Broschüre über eine spezielle Ausstellung
zu diesem Märchen. Das würde zu weit führen, das
alles zu erklären. Die Grimms haben sich darin geirrt, daß
es sich um ein Volksmärchen handelt, es ist ein Kunstmärchen
aus Italien, ursprünglich nicht auf Rapunzel, sondern auf
Petersilie bezogen. Das wurde dann ins Französische…
ist im Französischen aufgetaucht und wurde nach Deutschland…
kam nach Deutschland über Frankreich. Und dann irgendwie
zwischendurch hat das mal umgesattelt auf Rapunzel, ja? Das ist
alles kompliziert und einfach und schön und jedenfalls
für mich ist es nicht mehr von der Hand zu weisen, zumal
seitdem ich auch die ganzen Illustrationen gesehen habe. Unter
anderem Otto Ubbelohde, ich hab das, glaub ich, auch hier, ich
hab das auch nebeneinander einmal abgelichtet, daß das
genau die Struktur des… der Wurzel ist: Das ist die Originalgröße
einer Rapunzelpflanze, hier ist die lange Wurzel. Hier ist das
Bild von Ubbelohde, wo Rapunzel, ja?, das Haar herunterläßt,
an dem sich dann die Hexe und auch ihr Freier hochseilt. Und
so weiter. Also mich interessiert das sehr, und wenn man mal
sich mit so ner Sache beschäftigt, dann kommt ja immer mehr
zusammen. Dann erfährt man zum Beispiel übrigens
auch wieder von Christoph Michel, dem von mir sehr verehrten
Fachmann und Literaturwissenschaftler, ja?, der ja hier auch
Vorlesungen hält, ja?, die… ja, sehr interessante Vorlesungen,
im letzten Semester über Hofmannsthal , der hat mir
gesagt, der Otto Ubbelohde, der auch aus der Gegend von Kassel
kommt, ähnlich wie die Brüder Grimm, der hat in seinen
Illustrationen wirkliche Gebäude, die man lokalisieren kann,
verwendet. Dieses Fachwerkhaus hier, wo in einem Erker Rapunzel
ihr Haar herunterläßt, ist in dem Ort Amönau
wieder eine schöne Fundsache, daß der Amönau
heißt, eine liebliche Aue, bei Wetter, ja?, in der Wetterau
noch erhalten. Ich habe Abbildungen gesehen, und es ist
nicht von der Hand zu… es ist also ganz klar, daß
es sich um das gleiche Gebäude handelt. Also dies hat auch
Namen und Anschrift, solche Sachen, das ist irgendwo vorhanden.
Wenn man mit diesen Rapunzelsachen beschäftigt ist, und
dann kommt… stolpert man noch über den Ort Amönau,
ja?, dann ist man schon wieder in der Versuchung, zu desertieren
zu dem neuen Fundstück, nämlich diesem schönen
Ort Amönau. Den gibt es wirklich. Ich habe also im Shell-Atlas
nachgekuckt, das ist ungefähr so im Uhrzeigersinn drei auf
der Seite soundsoviel, bei Wetter in der Wetterau. Und da ich
in letzter Zeit mich mit silbenzählenden Gebilden, also
nicht metrischen, die ja die Versfüße zählen
oder behandeln, sondern mit silbenzählenden Gebilden beschäftige,
zum Beispiel mit einem, das man aber ich ungern
Haiku nennt, mit siebzehn Silben, fünf, sieben, fünf,
und ich hab das auch verkürzt, hab also sozusagen eine Erfindung
gemacht, mit einem Kollegen zusammen, Werner Laubscher
aber wir haben nur einen sehr unbefriedigenden Namen dafür
gefunden, nämlich das ›Stutzhaiku‹, das ist also
noch kürzer, das besteht… ›Stutz-‹, also
so wie ein Stutzflügel oder eine Stutzflöte oder so
etwas. Für Kinder, wenn die Kinder Geige spielen sollen,
dann kriegen sie eine Stutzgeige, oder es gibt noch einen Stutzflügel.
Übrigens bei der Schale, fällt mir gerade auf, hab
ich gar nicht dazugesagt, was Sie vielleicht hätten bemerken
können, daß da eine Inschrift drum rum geht. (Zwischenrufe)
Haben Sie das bemerkt, ja? (Lachen) Das find ich sehr gut.
Günter Scholdt: Ein aufgewecktes Kolloquium.
A.: Ja, ja, das ist… es war auch keine Falle, ich habs
wirklich nur vergessen…
Teilnehmer: Was fällt Ihnen eigentlich ein?
A.: Was fällt Ihnen eigentlich ein, ja. Dieses ›Stutzhaiku‹
heißt natürlich »Amönau«, hat ne
Überschrift, und heißt »Rapunzel / bei Wetter
und Wind / bei Laune.« Rapunzel bei Wetter und Wind bei
Laune. Amönau liegt bei Wetter, das ist die Kreisstadt,
ja? Und verspielte, unernste Menschen wie ich, die lassen sich
hinreißen zu solchen Albernheiten und machen aus dem »bei
Wetter« auch dann »bei Laune«, und irgendwie
gefällt mir auch das, ja? Jetzt ist diese schöne blaue
Schale unbeschädigt wieder angekommen, dann les ich mal
den Spruch vor oh, die ist ganz warm geworden. Das kommt
von der Bewegung. Die hat sich heißgelaufen. Das heißt:
»Eine Schale / in meiner Hand / und in der Schale / das
Himmelsgewölbe / und aus dem Gewölbe / trinken wir
Wein / und sehen die Sterne.« Das ist eine Aneignung aus
der Griechischen Anthologie, den Autor hab ich im Augenblick,
glaub ich, vergessen, es könnte Antipatros von Thessalonike
sein oder sowas. Die Griechische Anthologie, Sie kennen
das vielleicht, das ist eine sehr umfassende, eigentlich die
größte Anthologie, die aus der Antike überliefert
ist, mit lauter Epigrammen, wohl einigen Tausend, ja?, sechzehn
Bücher. Und das ist übersetzt von dem Herrn Beckby,
der immer seinen Vornamen verschweigt, da ist nur ein Buchstabe,
ich hab aber den dann auch vergessen. Beckby hinten mit Ypsilon,
ein verdienstvoller Altphilologe, der hat diese übersetzt,
und das ist ne zweisprachige Ausgabe, die ursprünglich bei
Tusculum erschienen war. Und da sind natürlich lauter solche
Gedichte drin, die sich auf Gegenstände beziehen. Epigramme
beziehen sich nämlich auf Gegenstände. Das sind eigentlich
Aufschriften oder Inschriften. Also eine Grabschrift ist ein
Epigramm, möglicherweise, und so weiter. Ein Begleitgedicht
zu einem Geschenk ist ein Epigramm, ja?, das auf das Geschenk
Bezug nimmt. Und in dieser Anthologie sind zwei oder drei Epigramme,
die sich auf ein verlorengegangenes Geschenk beziehen. Die Geschenke
gehen verloren, oder bleiben bei ihrem Eigentümer, sind
Privatbesitz, ja? Die Literatur hat ja den Vorteil, daß
sie keine Originale schafft. Also man kann sich leichter von
seinen Produkten trennen. Es gibt… ich möchte nicht
Maler sein oder Bildhauer, der jedesmal, und wenn er noch so
viel Geld dafür kriegt, sich von diesen schönen Kindern
trennen muß, die es nur einmal gibt, ja? Also wie gesagt…
und diese Epigramme beziehen sich auf einen Himmelsglobus. Das
kennen Sie vielleicht, was ein Himmelsglobus ist. Man kann also
die Sternbilder so auf einen… auf eine Halbkugel projizieren,
und untendrunter die andere. Das ist also sozusagen die nördliche
Halbkugel, untendrunter ist die südliche. Wenn Sie das aber…
einen Himmelsglobus machen, dann besehen Sie das von außen,
ja? Es ist also ziemlich egal, ob man nun im Himmel lebt oder
von außen sich den Himmel so vorstellt wie die Erde. Und
da gab es wohl in der Antike solche Schalen, die nun keinen Spruch
hatten den Spruch hab ich erst dadran machen lassen ,
die aber in dieser Schale den Sternenhimmel hatten. Den man nicht
sah, wenn Rotwein drin war. Und man trank im allgemeinen Rotwein.
Aber wenn man die Schale geleert hatte, dann sah man den Himmel,
ja? Und das so ein bißchen in das Triviale und uns Geläufige
gelenkt, daß man Sterne sieht, wenn man betrunken ist,
das verlockt mich natürlich auch, ja? (Lachen) Weil man
dann sozusagen die trivialen Ausdrücke wieder dahin zurück
befördern kann, wo sie hingehören, nämlich in
den Himmel. Und es ist eigentlich eine Schande, so trivial zu
sein. (Lachen) Ich lese es nochmal vor… Und das ist, der
Poetik nach, etwas vollkomen anderes, es ist ein freirhythmisches
Gedicht, es ist weder silbenzählend noch Versfüße
zählend. Die Epigramme in der Griechischen Anthologie
sind meist Kleinst-Elegien, das heißt Hexameter und Pentameter.
Ein Epigramm ist mindestens ein Hexameter und ein Pentameter
und manchmal zwei solche Paare oder drei oder sieben, wenns hoch
kommt, ja? Also das alles hab ich mir hier geschenkt. Weil es
ja auch redundant ist im Grunde. Redundant geworden. Wir sind
ja überfüttert mit diesen Sachen, und wenn man soviel
Homer gelesen hat und Voßsche Übersetzungen und dann
noch die Xenien unserer Klassiker, dann ist man ein… des
Versmaßes ein bißchen müde. Und man macht dann
aus lauter Verzweiflung aus dem Haiku ein ›Stutzhaiku‹
oder aus dem Hexameter ein freirhythmisches Epigramm, und das
heißt, ich lese es nochmal vor: »Eine Schale / in
meiner Hand / und in der Schale / das Himmelsgewölbe / und
aus dem Gewölbe / trinken wir Wein / und sehen die Sterne.«
So. Klar? Ja. Was wollt ich sagen? Ja, im Rundfunk hat man uns
früher immer gesagt jetzt ist man davon abgekommen
: Ihr müßt euch einfach ausdrücken, damit
euch die einfachen Leute auch verstehen. Und ich hab immer gesagt,
erst einmal: Ihr unterschätzt die einfachen Leute. Die sind
gar nicht so einfach, die sind sogar kompliziert. Im Grunde…
dialektisch gesehen, ist, wer simpel ist, der akademisch Gebildete.
Der kann sozusagen seiner Schwierigkeit Herr werden, indem er
über alles reden kann oder wenigstens glaubt, es
zu können. Das heißt, die Verbalisierung ist ja in
Wirklichkeit eine Vereinfachung. Also man ist doch Herr seines
Trieblebens weitgehend, wenn man es verbalisieren kann, zum Beispiel.
Ich denke, der sprichwörtliche Bäcker an der Ecke ist
ein viel Getriebenerer als wir… Wie bitte? (Lachen) Nochmal?
Zwischenruf: Wegen der Hefe.
A.: Wegen der Hefe, ja, das ist wahr. Das ist wahr, ja. Ja,
die akademischen Treibmittel, die müßte man erforschen,
ja? (Lachen) Ja, also ich dachte mir, ich brauche mich nicht
dumm zu stellen als Redakteur, weil ich halten Sie das
bitte nicht für ne Koketterie auch mich selbst für
einen relativ einfachen bis einfältigen Menschen halte.
Das werden Sie natürlich als Koketterie nehmen, aber ich
sage Ihnen, es stimmt gar nicht. Die Naivität und
wenn man noch so raffiniert ist, ja?, und wenn man noch so sehr…
ja, sophisticated ist, ist die Naivität ein Gut, das ich
persönlich nicht missen möchte. Ohne Naivität
entsteht nichts. Die Naivität ist das Natürliche, wie
ja alle Etymologen wissen, ja? Das ist das… die Naivität
kommt von der Natur. Falls Kluge/Götze da nicht gepfuscht
hat, stimmt das. Kluge/Götze ist das Lexikon, wo
man das nachschlagen kann. Inzwischen wahrscheinlich beim Duden.
Aber ich merke, ich komme ins Reden, was ja immer ne schöne
Sache ist, nicht?, da geht die Zeit rum. Ich wollte eigentlich
bei Rapunzel bleiben, ja? Oder zu Rapunzel zurückkommen.
Und das mach ich natürlich auch. Daß dies alles nicht
Hand und Fuß hätte, ist übrigens ein Irrtum.
Das ist alles von langer Hand ausgedacht. Aber es ist natürlich
interessanter, wenn man das so versteckt, als hätte man
sich gar nichts dabei gedacht. Ja, ich möchte jetzt doch
noch einmal ein paar Sachen, vielleicht ohne viel dazu zu reden…
Und wie Sie vorhin etwas gesagt haben, bitte machen Sie das dauernd.
Ich bin für jede Unterbrechung dankbar, ja? Also nicht,
daß ich hier die ganze Zeit rede und so. Sagen Sie Ihrs
dazwischen, und bitte nicht nur Fragen, sondern Behauptungen.
Das ist eigentlich das Interessantere. Das schüchtert mich
immer ein, wenn nach Lesungen angeboten wird, man dürfe
jetzt noch Fragen stellen. Ich hab meist gar keine. Ich hab aber
Ansichten, ja? Also ich lese jetzt mal, ohne weiter etwas dazu
zu sagen wird mir wahrscheinlich mißlingen
so ein paar Rapunzelgedichte vor. Ja, jetzt wieder ein Rapunzelgedicht,
das ist sozusagen weder metrisch noch silbenzählend, sondern
freirhythmisch. »Die Locken / verlocken mich. / Demeters
Zöpfe / sind dreizeilige / Weizenähren. / Wasser fällt
/ herunter vom Turm. / Der Strahl ist ein Zopf. / Der zieht uns
hinan.« Ich bin dann doch schnell wieder abgekommen von
dieser freirhythmischen Art, die hieß… ich les es
doch nochmal, »Rapunzel« ist die Überschrift:
»Die Locken / verlocken mich. / Demeters Zöpfe / sind
dreizeilige / Weizenähren. / Wasser fällt / herunter
vom Turm. / Der Strahl ist ein Zopf. / Der zieht uns hinan.«
Nun in ›Stutzhaikus‹, dreien. Also Gebilde, silbenzählende
Gebilde, die keine metrischen und eigentlich auch keine rhythmischen,
seltsamerweise freirhythmische sind… sein können, ja?
Aber sie zählen Silben, was man übrigens nicht zu bemerken
braucht. Das sind sozusagen Strukturen oder Formen, denen es
lieber ist, nicht bemerkt zu werden. Also der unangenehmste Leser
von solchen Haikus oder ›Stutzhaikus‹ ist der, der
die Silben nachzählt. Und der hat auch manchmal Erfolg,
weils manchmal nicht stimmt, ja? Jetzt kommt noch einmal eben
ein Gedicht, das heißt »Rapunzels Haare«, und
das sind, wie gesagt, dreimal elf Silben, drei sogenannte ›Stutzhaikus‹.
Wenn Ihnen ein besseres Wort einfiele, wäre ich dafür
sehr dankbar. Denn es ist ein Sauwort, ›Stutzhaiku‹,
das ist unmöglich. (Lachen) Ich dachte schon ›Elfsilber‹
oder irgendsowas, aber es gefällt mir alles nicht. Das zitiert
übrigens auch den Text von eben. Aber ich geh den einzelnen
Sachen etwas genauer nach, und auch so, daß es den Germanisten
entgegenkommt. (Lachen) Und auch Goethe. Und so. Und Goetheforschern
und -herausgebern und so weiter. Und dem Herrn Wender zum Beispiel
auch. »Demeters Zöpfe / sind dreizeilige Ähren
/ des Winterweizens. // Hoher Wasserfall, / Rapunzel, Rapunzelchen,
/ der Strahl ist ein Zopf. // Unbeschreibliches / zieht uns hinan.
Weibliches. / Rapunzels Haare.« Was fällt mir eigentlich
ein, ja? Zum Beispiel diese Bennsche Geschichte mit dem hohen
Wasserfall, ja? Das ist natürlich die unschickliche Variante.
Das sagt man eigentlich nicht. Und ich hab auch neulich nochmal
erlebt, als ich das mal sagte übrigens in Gegenwart
dieser Freundin meiner Freundin, die mit mir zusammen Rapunzel
herausgezogen hat , die hat sich darüber empört.
Die kannte… ich habe dann gesagt, zur Entschuldigung, das
ist aber von Benn, ja? (Lachen) Da sagte
Gerhard Schmidt-Henkel: Du mußt das zitieren, wenn dus
im Kopf hast.
A.: Kannst du das?
Gerhard Schmidt-Henkel: Ja, ich überlege gerade. Das
steht also… Es beginnt mit dem Begriff ›Beauties‹,
also Schönheiten
A.: Ja. Das sind große Frauen.
Gerhard Schmidt-Henkel: Ja, sind große Frauen, und »langbeinig,
hoher Wasserfall, über deren Hingabe man sich gar nicht
traut nachzudenken«.
A.: Ja, ja.
Gerhard Schmidt-Henkel: So heißt es
A.: So wars, ja?
Gerhard Schmidt-Henkel: Ungefähr.
A.: Irgend so ungefähr, ja, ja. [Das Zitat stammt aus
»Teils-teils« (Aprèslude, Wiesbaden
1954). Die vierte Strophe des mit »In meinem Elternhaus
hingen keine Gainsboroughs…« beginnenden Gedichts
lautet: »Aber ein Fluidum! Heiße Nacht / à
la Reiseprospekt und / die Ladies treten aus ihren Bildern: /
unwahrscheinliche Beauties / langbeinig, hoher Wasserfall / über
ihre Hingabe kann man sich gar nicht erlauben / nachzudenken.«]
Und die hat dann gesagt: Na und? Ist das vielleicht ein mildernder
Umstand, daß es von dem Benn ist? Oder so. (Lachen) Und
da ist mir erst aufgefallen, offenbar kannte sie den Ausdruck,
aber sie wußte nicht, daß er von Benn ist. Und: er
ist nicht von Benn. Es ist… in der Eifel sagt man das. Ja.
Das heißt auch, der… wahrscheinlich auch woanders
der Benn hat natürlich das aufgeschnappt, ja? Aber
wir, die wir wenig Kontakt mit dem Volk, ›Volke‹, haben,
wir denken dann, das ist Benn. Natürlich wissen wirs von
Benn, aber das ist sozusagen Volksgut, ja? Die… das Volk
sagt auch manchmal das, was ihm eigentlich einfällt, und
was es besser nicht sagen sollte, ja? Ich les das nochmal vor.
»Rapunzels Haare // Demeters Zöpfe / sind dreizeilige
Ähren / des Winterweizens. // Hoher Wasserfall, / Rapunzel,
Rapunzelchen, / der Strahl ist ein Zopf. // Unbeschreibliches
/ zieht uns hinan. Weibliches. / Rapunzels Haare.« Ja?
Ich mein, da freut sich natürlich der kleine Dichter, wenn
er diesen schon zum Kalauer gewordenen Ausgang von Faust zwei,
»Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan«, ja?, noch
einmal irgendwie weniger störend unterbringen kann. Und
auch halb frivol unterbringen kann. Wobei das Halbfrivole in
Wirklichkeit ein ganz wichtiges Interessemittel der Literatur
ist. Also man kann es nicht so herstellen, daß man sich
überlegt, da solltest du noch ein bißchen frivoler
sein in dem Text, dann lesens auch die Leute. Aber wenn man nur
seine Gedanken zuläßt, falls man welche hat, oder
noch welche hat man hatte immer welche , dann stellt
sich das von alleine ein, nach meiner Erfahrung, und… ja?
Teilnehmer: Herr Astel, ich hätte eine Frage
A.: Ja.
Teilnehmer: Keine These oder Behauptung. Das zweite, was Sie
vorgelesen haben, kam mir so vor, als ob Sie Ihr erstes Gedicht
interpretieren würden
A.: Als ob ich…?
Teilnehmer: Das erste, was Sie vorgelesen haben, interpretieren.
Schreiben Sie Interpretationsgedichte zu den eigenen Gedichten?
Denn diese ganze Demeter-Sache ist ja in dem ersten Text schon
dagewesen.
A.: Ja, aber das Ewigweibliche war noch nicht
Teilnehmer: Ja doch, ja war ja doch auch… »Das
Weibliche zieht uns hinan« war doch im andern schon da
A.: »zieht uns hinan«, ja, angedeutet. Aber ich
will das auch nicht erläutern eigentlich. Es ist nur eine
andere Form, ja? Und sie ist meiner Ansicht nach deutlicher,
ja? Also strenggenommen, wenn man Skrupel hätte, würde
man den ersten Text wegschmeißen. Ich denke aber gar nicht
daran. Ja?
Gerhard Schmidt-Henkel: Lieber den zweiten.
A.: Ja, meinst du?
Teilnehmerin: Ich find den ersten auch besser.
A.: Ja? Gut
Günter Scholdt: Ich finde beide gut
A.: Danke, danke. (Lachen)
Günter Scholdt: Die passen zusammen. Das stört mich
überhaupt nicht, das ist doch so witzig. Warum soll man
sich nicht mal selbst interpretieren? Die andern tuns häufig
mit so wenig Vermögen, da kann mans doch mal selbst probieren.
A.: Ja, und es ist… fällt einem auch erst allmählich…
das, was einem eigentlich einfällt, fällt einem ja
auch allmählich ein, ja? Von wie heißt das
in dem Conrad Ferdinand Meyer-Gedicht von Schale zu Schale
und so weiter, ja? Oder »von Klippe / Zu Klippe geworfen«,
wer ist das wieder?
Teilnehmer: Hölderlin.
A.: Das ist Hölderlin, ja. Das heißt, auch der
Einfall ist ja sozusagen ein Fall, oder ein Wasserfall. Das heißt,
es ist nicht gleich da. Es kommt dann dazu, ja? Indem man sich
beschäftigt mit der Sache. Da kommt noch Amönau dazu,
und all das Liebliche, was man… worüber man nicht reden
sollte, und so weiter. Und am Ende sind dann solche Gebilde da.
Ist noch lange nicht Schluß, ja? Also ich… An der
Stelle möcht ich auch noch etwas sagen ja, das war
genau die Stelle, die ich mir vorgemerkt hatte (Lachen)
zu Gottfried Benn. Gottfried Benn hat ja, irgend so als Atheist,
so eine private Metaphysik sich erlaubt, die eigentlich bei seiner
weltanschaulichen Grundhaltung nicht erlaubt wäre. Er ist
nämlich davon ausgegangen, so ähnlich, wie das manchmal
die Bildhauer sagen: im Marmor ist natürlich der ›Kuß‹
von Rodin schon drin, man muß ihn nur rauslassen, ja? oder
die ›Umarmungen‹ oder die ›Bürger von Calais‹.
Und so hat nun er geglaubt allerdings ist das ironischer
bei den Bildhauern , aber Benn hat gesagt: eigentlich gibt
es die eine vollkommene Fassung. Wir können sie vielleicht
erreichen, ja? Aber es ist auch bei ihm der Hintergedanke: eigentlich
stehts in den Sternen. Ja? Man muß nur drankommen. Das
ist meiner Ansicht nach ein Irrtum. Es gibt sehr viel verschiedene
Vollkommenheiten. Ja? Nebeneinander. Und jeden Tag kommt eine
andere. Und jeder Tag ist auch anders vollkommen als der vorangegangene,
auch jede Stunde. Das heißt, ich glaube auf keinen Fall,
daß das irgendwo geschrieben steht, und man muß sich
bloß ranrobben, und dann hat mans. Ich denke, wenn man
es hatte, kann man es wiederhaben, und völlig anders. Ich
erlebe das an mir selber. Vielleicht ist es auch alles Schrott,
ja?, aber ich schreib ständig über die gleichen Sachen,
ja? Ich könnte fast über jeden Gegenstand ein eigenes
Gedichtbuch herausgeben. Weil mich das immer beschäftigt,
ja? Es ist für mich nicht abgehakt, ja? Die Sachen bleiben.
Die Gegenstände bleiben. Hier die Schale, oder was auch
immer, ja? Jetzt hätt ich sie fast zerschlagen. Die ist
aber sehr stabil. (Lachen) Die kriegt man nicht so schnell klein.
Übrigens
Teilnehmer: Wo ist denn die Schale tatsächlich her?
Gerhard Schmidt-Henkel: »Swiss made« steht auf
dem (Lachen)
A.: Ja.
Günter Scholdt: Sehr prosaisch.
Teilnehmer: »Cadeaux«
A.: Cadeaux? Ein Geschenk, aus der Schweiz. Das waren so billige
Sachen, die hatten meist noch irgend son billiges Silbermaßwerk.
Da konnte man irgenwie Gebäck oder Pralinen reintun und
so weiter. Und… ja, das ist das billigste, was es gibt,
nicht? Das kriegt man auf jedem Ramsch eigentlich umsonst. Oder
für 70 Pfennige oder so. Ja. Aber eigentlich schön.
Teilnehmer: Ich hätte mindestens Delphi erwartet.
A.: Delphi? Nee, nee, nee, nee. Ich mein, das Orakel kann
man natürlich auch daraus lesen, ja?
Günter Scholdt: Wenn man genügend trinkt.
A.: Ja, wenn man genügend trinkt und auch… Naja,
ich will nicht alles ausplaudern. Ich denke, es ist schwierig
für einen Autor, zu beurteilen, was er schreibt. Und ich
halte es auch für gefährlich und fast grob fahrlässig,
daß man von vornherein sich auferlegt, man schreibt nur
Gutes. Also ich lasse einfach das Schlechte weg, und jetzt schreib
ich nur Gutes. Warum? Weil mans gar nicht weiß. Ja? Der
Einfall ist so beschaffen, daß er irgendwie nicht mit Gütezeichen
versehen ist oder Handelsklassen A bis Z oder sonstwas, sondern
er hat auch oft die Kategorie ›was fällt dir eigentlich
ein?‹, ja? Ziemlich blöd, ja? Ein ziemlich blöder
Einfall, Schnapsidee, ja? Aber man kann, wenn man sozusagen so
altmodisch ist und auf den… auf die Eingebung oder den Einfall
sattelt, ja?, dann kann man nicht von vornherein sozusagen nur
die guten zulassen. Weil man es von vornherein nicht weiß.
Man weiß auch nicht es beschäftigt einen ja
meist der Gegenstand oder die Sache , jetzt weiß
man gar nicht: gelingt es? Ja? Und sich immer wieder mit den
Sachen oder den Gegenständen zu beschäftigen, halt
ich schon für jetzt sag ich ein großes Wort
für glücksbringend. Das ist eigentlich…
für mich ist das das Glück, ja? Nicht in erster Linie
zu lesen oder zu schreiben, sondern wahrzunehmen, was es gibt.
An Handlungen, an Gegenständen. Da sitzt der Martin Bettinger,
zum Beispiel. Entschuldige, daß ich dich hier wie in der
Schule aufrufe. Du brauchst… ich frag dich auch nichts,
ich sage nur etwas. Der war vor kurzer Zeit in Neuseeland. Mit
seiner Tochter. Er las, über Internet, die Saarbrücker
Zeitung. Was ich übrigens nicht nachempfinden kann.
(Lachen) In… auf Neuseeland. Er las dort, daß ich
den Kunstpreis des Saarlandes bekommen habe. Daraufhin schrieb
er mir mit Luftpost eine Gratulation. In diesem Luftpostbrief
waren einige Muscheln, die seine Tochter, die das Glück
hatte, mit ihrem Vater in… auf Neuseeland zu weilen, am
Strand gefunden hatte. Darunter ein… zum Beispiel das, was
man englisch ›abalone‹ nennt, wie heißt das auf
deutsch? ›Haliotis‹, das ist aber glaub ich auch Latein,
oder so, oder griechisch gar, also irgendwie so ›Seeohr‹
könnte der deutsche Name sein. Und nur eine Scherbe, und
die war abgeschliffen im Strand, aber perlmuttrig wie Opal, ja?
Und die kam unbeschädigt bei mir an. Von Neuseeland, woher
wir auch bekanntlich die Äpfel beziehen, ja?, die schwerer
sind, ja? Und das hat mich sehr beschäftigt. Und da muß
ich sagen, ich hab auch seine Adresse nicht gewußt, sonst
hätt ich mich bedankt. Die war nicht leserlich auf diesem
Brief, und ich bitte, das… bitte dich, dies als Dank hinzunehmen.
Ich hab das noch. Und so weiter. Und das sind große Sachen,
ja? Eine Muschel, sowieso ihre Gestalt, ja? Der Opal, der schillernde
Opal. Dieses Seeohr, oder Haliotis, oder Abalone, ja? Viele Leute
essen das auch einfach nur. Es kommt aber eigentlich auf die
Schale an, das ist das wunderbare, ja? Das andere ist genauso
wunderbar, nur können wirs nicht sehen und… Ja. Also
diese Gegenstände, die sind für mich sehr wichtig,
und ich hoffe eigentlich, nicht nur für mich. Ja. Und jetzt
können wir eigentlich zum nächsten Rapunzelgedicht
schreiten, falls Sie nicht mich bremsen. Ja, das hab ich hier…
Ja, woraus les ich das, hier sehr groß gedruckt? Ein…
der Bruder meiner Freundin, Hildegard, der heißt Hans Gerhard,
und wie meine Freundin heißt er Steimer mit dem Nachnamen,
und der ist der Mitherausgeber, mit Sattler, der Frankfurter
Hölderlin-Ausgabe. Und der hat, ohne daß ich ihn darum
gebeten habe, angefangen, meine Sachen ins Internet zu ›stellen‹,
sagt man, glaub ich. Ja? heißt das so? Ja. Und eigentlich
hab ich das nicht verdient, weil ich eigentlich ein absoluter
Snob bin und immer über dieses Medium gespottet habe, es
übrigens auch nicht bedienen kann. Ich kanns nicht mal selbst
mir rausholen, oder runterladen, oder downloaden, oder wie dieses
Zeug heißt. Aber ich hab jetzt schon so ein paar Handgriffe
gelernt von meiner Freundin, die das kann, und ich bin sehr begeistert.
Ja. Ich les jetzt mal ohne weiteres das nächste Gedicht
vor, falls Sie nicht Behauptungen aufstellen oder Fragen haben.
»Wer flüstert ins Mausohr / Vergißmeinnicht?
Wer / läßt sein Haar herunter / aus der Rosette?
/ Was springt in die Augen / wie eine Heuschrecke? / Was
ich dir sagen will, / kann ich dir zeigen: / Rapunzel im Wasserglas
/ läßt ihr Haar herunter.« Dritte Variante,
oder vierte schon, so ungefähr. Jetzt müßte man
über das Mausohr reden. ›Mausohrsalat‹ wirds ja
auch genannt. Ist das geläufig, ja? Ja, ja. ›Mausohr‹
heißt in der lateinischen oder griechischen es ist
wohl griechisch in dem Fall Nomenklatur ›Myosotis‹;
›myos‹ ist ›der Maus‹, ›otis‹ ›das
Ohr‹, also ›myosotis‹. Das deutsche Wort, übersetzt
ins Griechische, würde ›myosotis‹ heißen.
Das deutsche Wort ›Mausohr‹. So heißt aber Vergißmeinnicht.
Das hab ich nicht erfunden. Sondern es ist einfach die botanische
Nomenklatur so. Warum? könnte man sich jetzt fragen
übrigens immer interessant, warum? zu fragen und sich zu
wundern über so etwas. Das ist das Vergißmeinnicht.
Und das hat sehr ähnliche Blätter wie der… wie
Rapunzel. Ja? Das heißt, dieser volkstümliche Begriff
›Mausohr‹, den gab es offenbar schon mal früher,
und die alten Botaniker haben das Vergißmeinnicht ›Myosotis‹
genannt. Außerdem ist der Mausohrsalat mit dem Baldrian
verwandt, so daß er seinerseits ›Valerianella‹
heißt. ›Valeriana‹ ist Baldrian. ›Valerianella‹
ist sozusagen irgendwie son Kusinchen vom Baldrian, ja? Ein anmutiges
Kusinchen übrigens, ja? Dieses… und die haben ja…
es ist eine… es sind zwei Namen immer, das ist die Binomenklatur
der Botaniker. Also ›Valerianella‹ ist die Gattung,
und die Art heißt völlig überraschend
›locusta‹. Warum, weiß ich bis heute nicht.
Aber ich weiß, was ›locusta‹ heißt. ›Locusta‹
heißt die Heuschrecke. Wer das rauskriegt, dem schenk ich
ein Buch. Weshalb das so ist, ja? Von den Eine-Mark-Büchern.
Das ist übrigens… (Lachen) Aber das ist ein schönes
Buch.
Günter Scholdt: Ja, ja. Mehr als ne Mark wert.
A.: Allerdings. Es ist… zwei Mark wert. (Lachen)
Günter Scholdt: Ja, mindestens.
A.: Also jetzt… Auch die botanische Beschäftigung
ist natürlich eine Beschäftigung mit Gegenständen,
der Natur, ja? Und die Geschichte der Benennungen der Pflanzen,
die heute genauso da sind, wenn es Wildpflanzen sind, wie vor
Tausenden von Jahren… die haben sich nicht verändert.
Die Gärtner strengen sich zwar an, zu züchten und so
weiter, und es gibt allerlei Gartenspielarten, aber was so draußen
wächst, das Wilde, ist das gleiche. Also sich damit zu beschäftigen,
halte ich auch für keinen leeren Wahn. Und das ist jetzt
wieder die Stelle in meinem vorbereiteten Vortrag, wo ich erwähnen
wollte, daß es eigentlich für eine Universität
eine Schande ist, den Botanischen Garten zu schließen.
Das wollt ich nur mal kurz hier einflechten.
Günter Scholdt: Der ist doch gerettet?
A.: Der ist nicht gerettet. Der wird schleichend abgeschafft.
Die ganzen Rosensträucher sind schon gerodet, es ist eine
wichtige, Gattungen und Arten unterscheidende Sache links vom
Eingang planiert, da ist inzwischen Kies und zwei Bänke,
und die… es ist den Gärtnern überreicht…
überantwortet. Und zwar nicht den akademischen Gärtnern,
wie Herrn Weicherding, dem Obergärtner Weicherding, den
ich sehr verehre, ja? und anderen Leuten. Ein Botanischer Garten,
das ist eine wichtige… die Botanik ist eine wichtige Disziplin
wie die Zoologie, ja? in der Geschichte der Universitäten,
ja? Und das abzuschaffen, das sozusagen den Hobby- und städtischen
Gärtnern zu überantworten, die dann in Zukunft Spielarten
von Tränenden Herzen, ungefähr siebzehn, da anpflanzen
werden, ja? das ist… ja, unakademisch.
Zwischenruf: Herzlos!
A.: Wie? Herzlos? Absolut herzlos.
Teilnehmer: Ich habe eine Frage zu diesem italienischen Märchen
mit der Petersilie. Gibt es da ein Rapunzelgedicht, das also
die Verbindung zu diesem… zu dieser Petersilienvariante
herstellt?
A.: Nee. Noch… bisher noch nicht. Da… da arbeite
ich noch dran. (Lachen)
Günter Scholdt: Sind auch zu lange Wurzeln.
A.: Das ist alles… wahrscheinlich nicht. Ich kenne übrigens
die Wurzeln von Petersilie nicht.
Teilnehmerin: Ich glaube, die… wo ich vorhin dran denken
mußte, die wurden von Engelmacherinnen oder zum Einleiten
von Fehlgeburten benutzt.
A.: Richtig, richtig.
Teilnehmerin: Und deshalb hab ich vorhin überlegt, warum…
A.: Ja, ja, das ist sehr richtig, was Sie sagen. Ich hab das auch gelesen, und zwar… dieses Rapunzelmärchen, ich weiß nicht, ob Ihnen das gegenwärtig ist. Diese Frau ist ja schwanger, ja?, und hat diese seltsamen Gelüste von schwangeren Frauen. Und die sieht aus ihrem Turmfenster, oder aus ihrem Fenster, in einen fremden Garten, der einer Hexe gehört, ja? Und da sieht sie diesen Feldsalat, ja?, diese Rapunzel. Und sie belästigt ihren Mann, der eigentlich ein anständiger Mann ist und nicht stiehlt. Und der muß jetzt da rüber in Nachbars Garten, was er nicht darf. Und sie quengelt solange, bis er die Rapunzeln da stiehlt, ja? Und dann freut sie sich, und nach einem Mal ist sie auf den Geschmack gekommen, braucht sie immer mehr. Man könnte jetzt natürlich modern und naturwissenschaftlich urteilen, das ist Vitaminmangel. Ja? Die… eine schwangere Frau muß natürlich, speziell im Winter, Vitamine haben. Übrigens ich bin froh, daß ich wieder von den Gedichten abkomme die… dieser Feldsalat ist seit der Steinzeit kultiviert. Das haben Funde, Samenfunde, erwiesen. Es gibt… neben dem normalen wilden Feldsalat gibt es einen grüneren, der auch genauso verwildert ist, und den man auch im Freien findet. Der ist nicht mehr gezüchtet jetzt. Und der ist eine Verwilderung einer Jahrtausende lang gezüchteten Art. Und das war natürlich in unseren kalten Regionen der wichtigste Vitamin-C-Träger, ja?, der Feldsalat. Aber jetzt bin ich irgendwie abgekommen. Wo… was war eben? Wo waren wir eben?
Gerhard Schmidt-Henkel: Bei deinem Märchen.
Teilnehmer: Abtreibungsgeschichte…
A.: Ah ja. Ja. Ja, Abtreibung, Petersilie, ja. Da gibts natürlich
auch psychoanalytische Deutungen
Teilnehmerin: … würde man sagen, die Frau will das
Kind nicht. Und ich glaube, das Kind gibt sie ja dann auch der
Hexe, weil sie ihren Mann retten will, ne? Ich glaub, da könnt
man jetzt
A.: Ja, oder je nachdem. Der Mann verspricht es der Hexe.
Muß es der Hexe versprechen, weil er sonst irgendwie in
Schwulitäten kommt. Also die Analytiker und die Therapeuten
oder, sagen wir mal, auch die Frauenkundigen, ja? das
spielt ja in der Frauenliteratur ne Rolle , die sprechen
davon, das ist, wie man so schön auf Deutsch sagt, ›Doublebind‹.
Das heißt, wie das meistens ist, wenn man ein Kind kriegt,
man will es, und man will es nicht. Ja? Das ist auch interessant.
Das ist auch kulturgeschichtlich natürlich interessant,
und bis heute, ja? Das heißt, sie will eigentlich…
sie hat dieses Gelüste, sie braucht dies Vitamin
Petersilie ist genauso übrigens ein Vitaminträger wie…
wie Feldsalat sie will es aber auch nicht. Und es galt
als ein Abtreibungsmittel. Was natürlich sozusagen der Versuch…
der untaugliche Versuch ist. Der übrigens strafbar ist,
hab ich mir mal erzählen lassen. Also Abtreibungsversuch
mit Himbeersaft ist… wenn man nur den strengen Vorsatz hatte,
damit abzutreiben, war das strafbar.
Günter Scholdt: Nein…
A.: Ich hab das als Student mal
Günter Scholdt: … ist nicht strafbar.
A.: Vielleicht nicht mehr. Aber ich habe das gehört,
in einer rechtsphilosophischen Vorlesung, daß der Vorsatz
eigentlich einmal reichte für die Strafbarkeit.
Günter Scholdt: Nein, das ist ein untauglicher Versuch,
generell.
A.: Ja, aber… Na gut. Also nicht strafbar. Ist ja auch
gut…
Günter Scholdt: Nein, weil es sozusagen mit absurden
Mitteln gemacht wird. Wenn man zum Beispiel sich selbst beschwört…
A.: Ich glaube, es ist strafbar, wenn ich den Vorsatz habe,
Sie zu ermorden, aber…
Günter Scholdt: …das durch Gedichtebeschwörung
tue…
A.: …zum Beispiel. (Lachen) Zum Beispiel. Das würde
nicht bestraft, nein?
Günter Scholdt: Nein, nein… Das können Sie
weiter machen.
A.: Jetzt kann ich nicht mehr weitermachen, weil… ich
wollte Sie doch ermorden…
Günter Scholdt: Sie können es straflos weitermachen.
A.: Jetzt fehlt mir ja sozusagen der Glaube an das eigene
Werk und die eigene Wirkung. (Lachen) Also ›locusta‹
heißt die Heuschrecke, wie gesagt, und die… der Mausohrsalat
heißt botanisch ›Valerianella locusta L.‹, Linné,
eine Namensgebung durch Linné. Das ist ne… auch ne
Geschichte, womit sich, meiner Ansicht nach, die Leute wenig
beschäftigen. Mit der Kulturgeschichte der Pflanzen, die
ja eine Sprachgeschichte ist. Im Germanistischen Seminar, in
der Seminarbibliothek, ist der vielbändige Marzell.
Das ist ein Lexikon der deutschen Pflanzennamen, ja?, das erst
in den fünfziger Jahren vollendet wurde, in der DDR übrigens,
ich glaube, in der Humboldt-Universität, und dieses Buch,
das… Das wird aber jetzt wirklich… geht ein bißchen…
schweift ein bißchen aus. Na, also ich will das mal abkürzen
und einfach nur die Invektive gegen die Germanisten loswerden.
Ich glaub, ich war der einzige, der das benutzt hat. Es ist nämlich
im Seminar, in der Seminarbibliothek, nicht aufgefallen, daß
der einzige Zugangsband zu diesem Werk fehlt. Das hab ich dann
mal jemand gesagt, der da die Bibliothek macht, und er sagte:
Das glaub ich nicht. Er hat sich aber dann überzeugt, und
dann ist er in die UB gegangen und hat den Band kopiert, und
der steht jetzt auch dabei. Was ist das für ein Band? Das
Lexikon der deutschen Pflanzennamen ist alphabetisch geordnet
nach lateinischen Pflanzennamen. Ja? Man muß also den lateinischen
Namen wissen, um den deutschen Namen zu finden. Oder die zahlreichen
deutschen Namen, die, unglaublich unübersichtlich und massenhaft,
in jeder Gegend andere sind. So daß auch so ne Sache wie
›Mausohr‹ einmal Vergißmeinnicht, einmal
Feldsalat gang und gäbe ist im Marzell. Der
letzte Band, der enthält ein Register, wie man von deutschen
Namen zu den lateinischen kommt. Ja? Und ohne den ist es einfach
nicht möglich, es sei denn, man ist ein gewaltiger Botaniker.
Und das ist, glaub ich, unter Philologen nicht verbreitet. (Lachen)
Wenn ich recht sehe. Ich mein, das sind einfach so die Freuden
des kleinen Mannes, wenn er dann irgendwas rauskriegt, was da
nicht so ist, wie es ist… wie es sein könnte. Und ich
habs ja auch verbessert, also
Teilnehmer: Gibt es denn in der Bibliothek keine Enzyklopädie,
in der zu den deutschen Namen die lateinische Bezeichnung steht?
Unabhängig vom Marzell?
A.: Ich weiß es nicht, vielleicht im Zedler.
Aber der… es ist unmöglich, daß im Zedler
alle deutschen Pflanzennamen sind. Es… sie können gar
nicht so leicht in ein Lexikon kommen, weil sie in jeder Landschaft
anders sind. Also unter Umständen im nächsten Dorf
heißt die Pflanze anders. Ja? Und es sind in den einzelnen
Artikeln zu einzelnen Pflanzen, die, wie gesagt, nach der lateinischen
Nomenklatur geordnet sind, alphabetisch, ja?, aber da muß
man erst mal ›Valerianella‹ wissen, um zum Mausohrsalat
zu kommen, ja?… (Lachen) Das ist kaum möglich, es geht
nicht. Ja. Nicht nur die Philologen sind schlechte Botaniker,
auch die Dichter sind schlechte Botaniker, in der Regel, ja?
Also… klar. Und ›Maiglöckchen‹ ist doch auch
irgend so ein Tarnbegriff für ›Ich verstehe nur ›Rhabarber‹‹.
Oder man sagt ›Maiglöckchen‹, wenn man nur auf
was anspielen will. Ich weiß nicht, ob Ihnen das bekannt
ist? Nein? Also meine jetzt schon zum dritten Mal erwähnte
Freundin sagt immer ›Maiglöckchen‹. So wie man
Gerhard Schmidt-Henkel: Zu deinen Gedichten, oder wie? (Lachen)
A.: Nee, wenn irgendwas ist, was man nicht in Gesellschaft
sagt, was aber der andere weiß, ja? Das ist so wie ›Teekesselchen‹
oder sowas, ja? Nee? Na, also jedenfalls: um das Gedicht zu verstehen,
muß man eigentlich die botanische Nomenklatur verstehen.
Genauer gesagt, ich schreibe das Gedicht, um sozusagen diese
Nomenklatur plausibel zu machen. So wie sie mir auch erst plausibel
wurde. Ich weiß das ja alles selbst nicht. Man sagt dann
einem nach: der strunzt mit seiner Bildung, oder: der will uns
nur einschüchtern, ja?, weil wir keine Botaniker sind, oder
sowas. Nein, das ist es nicht. Ich bin eigentlich selber kein
Botaniker, ja? Ich interessier mich nur dafür. Und ich will
auch nur festhalten, was mir selbst allmählich klar wurde,
ja? Das ist eine ganz spannende Kulturgeschichte, ja? Was ist…
zum Beispiel, was hat Plinius eigentlich gemeint, als er eine
Pflanze so und so nannte, ja? Was meint Aristoteles eigentlich?
Es gibt ja die Benennungen, es gibt griechische Pflanzenbennenungen.
Kein Botaniker weiß genau, was gemeint ist, ja? Und dann
sind aber immer kulturelle Assoziationen damit verbunden. Zum
Teil sind die alten Namen in der Nomenklatur aufgehoben. Man
kann nun natürlich jetzt sagen: die Archäologie ist
ein leerer Wahn, die Denkmalspflege ist ein leerer Wahn, das
geht uns eigentlich nichts an, sondern wir bauen einfach hier
so, zwei rechts, zwei links, ja? Das kann man machen. Aber ich
bin da schon auf der Seite der Denkmalspfleger. Wie bitte?
Günter Scholdt: Sie wollten mich provozieren.
A.: Überhaupt nicht, im Gegenteil. Ich bin auf Ihrer
Seite. Daß… ich halte es für wichtig, daß
diese Dinge Kulturgeschichte sind, ja? Die Wahrnehmungsgeschichte
der Natur, die Wahrnehmungsgeschichte der Pflanzen und ihrer
Namen, ja? Es handelt sich um Sprache. Das ist Philologie, wenn
Sie das wissenschaftlich betreiben. Wie Flurnamen oder sowas,
ja? Das ist eine wichtige Kulturgeschichte meiner Ansicht nach.
Und ich denke, man braucht sich eigentlich obwohl ichs
dauernd mache nicht dafür zu rechtfertigen, daß
man es tut. Ja? Es ist eigentlich… ich find das… ich
find es eigentlich normal. Sagte der Verrückte. (Lachen)
Also, noch einmal: die Pflanze heißt ›Valerianella
locusta‹, Linné, ›L.‹ abgekürzt, und
das Vergißmeinnicht heißt ›Myosotis‹, und
das heißt nun wieder ›Mausohr‹. Und deshalb steht
über diesem Gedicht, völlig verwirrend jetzt
auch im Internet , »Valerianella myosotis A. &
Valerianella locusta L.« Also das ist Linné, und
der andere Botaniker bin ich selber. (Lachen) Aber das ist natürlich
nur ein ›Fake‹, ja? Aber jetzt, wo ich so lange darüber
geredet habe, wird Ihnen dieses Gedicht wahrscheinlich näher
kommen. Und auch die Heuschrecke. »Wer flüstert ins
Mausohr / Vergißmeinnicht? Wer / läßt sein Haar
herunter / aus der Rosette? / Was springt in die Augen
/ wie eine Heuschrecke? / Was ich dir sagen will, / kann
ich dir zeigen: / Rapunzel im Wasserglas / läßt ihr
Haar herunter.« Wärs das, oder nicht?
Günter Scholdt: Das weiß ich nicht. Gut
A.: Ich möcht… ich habe natürlich tausend Gegenstände. Und zehntausend Gedichte. Also
Teilnehmer: Sie haben doch noch nen zweiten Gegenstand rumgehen
lassen, nicht? Milchkannendeckel.
A.: Ja, ja, einen Milchkannendeckel.
Teilnehmer: Und was hat es damit auf sich?
A.: Den hab ich auf
Teilnehmer: Sie kommen vom Wein dann zur Milch der frommen
Denkungsart, oder nicht?
A.: Ja, genau, genau. Sehen Sie, wir sind auf dem Wege
Teilnehmer: Also an dem Punkt wollt ich mal… das hatten
Sie ja so vorgesehen, nicht?
A.: Ja, ja, hatte ich genauso vorgesehen, ich freu mich auch,
daß Sie an der richtigen Stelle das Stichwort mir geben.
(Lachen) Hier wollte ich sagen, daß ich diesen Deckel einer
Schafsmilchkanne auf Sardinien gefunden habe, in der Ruine eines
sehr bescheidenen Schäfers. Ein Steinhaus, das schon völlig
ruiniert war. Und im Gebüsch war dieser Deckel. Den sah
ich da, ja? Ramponiert, so wie er ist, ja? Und auf Sardinien,
wo ich mich manchmal aufhalte, da ist berühmt der Schafskäse
wie heißt er eigentlich?
Teilnehmer: Pecorino.
A.: Pecorino, natürlich. Ja. Und da denk ich mir, was
die Alten konnten, können wir eigentlich auch. Das heißt,
ein Gegenstand… es gibt auch Gegenstände der Erinnerung.
Es gibt auch Hinterlassenschaften, die irgendwo rumliegen. Wenn
die Leute schon längst irgend etwas anderes machen, längst
fernsehen. Aber die sind noch auf… mit ihren Schafen rumgezogen
und haben in unheizbaren Häusern, die inzwischen verfallen,
die kalte Jahreszeit zugebracht. Der Winter ist auch auf Sardinien
relativ kalt, vor allem, wenn man nicht heizen kann. Und mich
persönlich rührt das: in einem Land, das für mich
Reste von in Anführungszeichen Arkadien hat,
ja? Nämlich ein Hirtenland. Arkadien war ja bekannlich auch
kein liebliches Land, sondern sehr rauh, ja? Da nun Reste dieser
Leute, die da gewohnt haben und gelebt haben, und der… den
Pecorino gibts heute noch, ja? Also es gibt Genossenschaften,
ja? Und bis man so… die Kanne für diesen Deckel, die
ist nicht größer als so. Und da muß man die
ganze Schafherde melken, um das vollzukriegen, ja? Und ein Schaf
zu melken, das ist, glaub ich, auch… das können weder
Dichter noch Philologen, glaub ich. (Lachen) Ich kanns auch nicht,
Gottseidank. Ja? Die Inschriften auf dem Deckel sind nach…
nach Maßgabe alter Epigramme gearbeitet, ja? Ich glaube…
ja. So, wie sie in der Griechischen Anthologie stehen.
Das ist uns so durch die Übersetzer und durch die Klassiker
vertraut geworden. Im Grunde ist das etwas uns ganz Fremdes.
Ja? Also die direkte Art, zum Beispiel freirhythmisch zu sprechen
oder zu schreiben, ist ja eigentlich die volkstümliche Art.
Das heißt, das ist etwas, was in der Sprache ist, bevor
sie Literatur wird, ja? Die akzentuierte Rede, die Affektrede.
Also ich will festhalten: bei Rapunzel ist die wichtige Sache
der Strukturvergleich der Wurzel mit den Haaren. Und der ist
nicht an den Haaren herbeigezogen. Aber Naturdinge, auch die
Nomenklatur, auch wenn sich niemand um Botanik kümmert
ist es denn eigentlich eine Bringschuld, die ich habe, wenn ich
mich dafür interessiere? Muß ich das eigentlich begründen?
Ich würde sagen, eigentlich ist der in der Schuld, der sich
darum nicht kümmert, was wächst, ja? Was ist das Mauerblümchen,
das er jeden Tag sieht? Aber er sieht jeden Tag den Wetterbericht
im Fernsehen, ja? Also eigentlich ist das keine Bringschuld.
Ich sag das jetzt das klingt aggressiv, ich mein das nicht
aggressiv. Und es hat ja dann auch noch irgend so einen pädagogischen
Touch, ja? Das heißt, ich gebe ja sozusagen mein Wissen
weiter, ja? Und das ist mir nicht auf der flachen Hand gewachsen.
Das kommt allmählich, wenn… indem ich mich interessiere…
also es ist irgendwie, um wieder akademisch zu reden, die Verbindung
von Forschung und Lehre. Ist das so richtig? (Lachen)
Gerhard Schmidt-Henkel: Ja, ich seh nie genug, ob du eben
sagen könntest, daß Nomenklatura, also eine Anordnung
von Namen… Namen sind Mythen oder versteckte Mythen, und
die findest du?
A.: Ja, das ist natürlich auch… ich denke natürlich,
daß Literatur auch in irgendeiner Weise eine Orakelfunktion
hat und mit Geheimnissen zu tun hat, ja? Der Hölderlin,
den wir alle schreiben können, und der uns so leicht über
die Lippen geht verstehen tut ihn niemand, ja?
Gerhard Schmidt-Henkel: Goethe sagt: Sag es niemand, nur den
Weisen.
A.: Weil die Menge gleich verhöhnet: / Das Lebendige
will ich preisen, / Das nach Flammentod sich sehnet. / …
/ Und so lang du das nicht hast, / Dieses: Stirb und Werde! /
Bist du nur ein trüber Gast… ein… ein flüchtiger?
Teilnehmer: Ein trüber
A.: Dunkler?
Teilnehmer: Trüber Gast / Auf der dunklen Erde.
A.: …trüber Gast / Auf der dunklen Erde. Verstehst
du? Das ist im Grunde auch ne Antwort darauf, ja? Es… das
betrifft uns… würde uns betreffen, wenn wir uns davon
treffen lassen würden. Und da meine ich, es ist nun nicht…
nicht rühmlich, sich davon nicht treffen zu lassen. Und
auch nicht überflüssig, seine Wunden vorzuzeigen, wenn
man davon getroffen wurde.
Günter Scholdt: Ich merke schon die ganz typischen Geräusche,
die indizieren, daß die Zeit abgelaufen ist
A.: Ich glaube auch. Ja, es ist schon… wird gleich sieben,
ja.
Günter Scholdt: Wir habens gar nicht gemerkt, was ein Kompliment natürlich ist für die Vorstellung. Meine Damen und Herren, ich glaube, zu Recht haben wir uns bei Arnfrid Astel zu bedanken für den heutigen Abend, den er uns hier gestaltet hat. Wenn ich vielleicht etwas leichtfertig und unberechtigt ein Happening angekündigt habe, so war das vielleicht nicht richtig. Stattdessen haben wir aber zumindest ein Privatissimum in Botanik und klassischer Bildung erhalten, das ganze noch verschränkt durch poetische und poetologische Betrachtungen und das ganze dann auch natürlich noch im idealen klassischen Sinne als Mischung von prodesse et delectare. Was wollen wir mehr, was erwarten wir eigentlich mehr? (Beifall)
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